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Gedemütigt wegen seiner jüdischen Abstammung

Pfarrer György Kis: Weil ich meine Kirche liebe,
muss ich über die unbegreifliche Vergangenheit sprechen

Von Thomas Steierhoffer

Darf ein katholischer Priester seiner Kirche den Vorwurf machen, sie habe in der Nazizeit ihre jüdischen Brüder und Schwestern verraten? Oder könnte ihm dabei die unlautere Absicht, der Kirche schaden zu wollen, in die Schuhe geschoben werden? Wer in die Augen des ungarischen Pfarrers György Kis blickt, wird in ihnen weder den Schleier des Hasses, noch die Glut der Rache sehen. Es geht ihm nicht darum, seine Kirche zu brandmarken, sondern er will einen Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit leisten. Solingen und Mölln, Rostock und Hoyerswerda sind zu traurigen Synonymen für die Existenz nationalsozialistischen Gedankengutes im vereinigten Deutschland geworden. Aber auch in der Heimat des Geistlichen, in Ungarn, gibt es diesen Ungeist. Seine Konsequenz hat nur einen Namen: Auschwitz.

In der ungarischen Provinz, in der kleinen Gemeinde Bakonyszentlaszlo ? unweit der Städte Györ im Norden und Veszprem im Süden ? lebt der ehemalige Dechant von Papa, Pfarrer György Kis. Der 1914 geborene Priester genießt die Ruhe und die schöne Natur, die seinen Lebensabend umgeben. Und doch kann er innerlich nicht zur Ruhe kommen. Das ist es, was ihn seit seiner frühen Jugend nicht mehr losgelassen hat: das Verhältnis zwischen Juden und Christen vor und nach Auschwitz. György Kis ist jüdischer Abstammung. In der Nazizeit hat er viele Verwandte und Freunde verloren. Sie wurden vergast.

Der Schüler des berühmten deutschen Theologen Karl Rahner hat sich im Laufe seines Leben das Recht erworben, seiner Kirche „schwere Unterlassungssünden” in den Jahren der Nazi-Diktatur vorzuwerfen. Wer, wenn nicht diejenigen, die am eigenen Leibe erfahren mussten, wohin Rassenhass und Größenwahn führen, dürfte angesichts der Opfer über das Unsagbare den Mund auftun, das dem jüdischen Volk widerfahren ist? Und wer könnte glaubwürdiger für christlich-jüdische Versöhnung eintreten, als ein so Betroffener? Kis’ Lebensweg ist gezeichnet von Demütigungen, die er allein wegen seiner jüdischen Abstammung erdulden musste. „Durch mein Leben habe ich am Kreuz Christi teilgehabt”, sagt der Geistliche. Er wurde verfolgt, denunziert, interniert unter dem ungarischen Horty-Regime und den deutschen Nazis, später unter den Stalinisten im kommunistischen Ungarn Rakosis.

Sein Vater war Rechtsanwalt. Lange vor der Machtergreifung Hitlers konvertierte seine Familie zum Katholizismus. Mit viereinhalb Jahren wurde Kis getauft. Bis auf den Großvater mütterlicherseits sind alle Familienmitglieder „aus tiefster Überzeugung Christen geworden”, erzählt er. Und trotzdem konnte der christliche Glaube, der amtliche Taufschein, die meisten Familienmitglieder nicht vor der Ermordung retten.

Bis heute empfindet es Kis schmerzhaft, dass seine von ihm tief geliebte Kirche, die katholische Kirche Ungarns, „nur formell und nicht aufrichtig aus dem Herzen kommend”, wie er sagt, gegen die Verbrechen, die dem jüdischen Volk ?speziell den 600.000 ungarischen Juden?widerfahren sind, protestiert hat. Vielmehr gab und gibt es in der ungarischen katholischen Kirche antisemitische Vorurteile, meint er.

Über viele Jahre hat Kis Briefe und Dokumente gesammelt. Er blättert, sucht und zieht schließlich ein Schreiben heraus, das er kurz nach der braunen Diktatur, im Advent 1946, von einem Priester-Kollegen erhalten hatte. Darin heißt es: „Gerechtigkeit zu üben ist sowieso nicht möglich, die Juden erfuhren nur am eigenen Leibe, was sie sich selber durch konsequente theoretische und praktische Gottlosigkeit oder eher durch Verweltlichung und Gottesignoranz in die Herzen der Völker eingepflanzt hatten.”

Bis in die Herzen katholischer Priester sei der Antisemitismus damals gedrungen, sagt Pfarrer Kis. Er berichtet von einem Bezirkshauptmann, der 1944, also in dem Jahr, als die ungarischen Juden deportiert wurden, den Befehl zur Durchführung der sogenannten „Judenverordnungen” erhielt. Er bekam Skrupel und wandte sich an seinen Beichtvater. Der Rat, den dieser katholische Priester erteilte, lautete: „Machen sie sich keine Sorgen, wenn sie Juden internieren lassen müssen. Die haben schon so viel Schuld auf sich geladen, dass das nur eine sehr geringe Strafe für ihre Sünden ist.”

Für Kis ist es wichtig, dass diese erschütternde Realität beim Namen genannt wird. Nach seiner Überzeugung hätten die ungarischen Bischöfe unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers gegen „das Böse an sich” einschreiten und ihre Stimmen erheben müssen. „Widerstand, das ist nicht die Frage des Heroismus, das ist vielmehr eine Frage des Terminkalenders, das heißt, man muss rechtzeitig damit anfangen”, zitiert er den Theologen Johann B. Metz. Und weiter sagt Kis: „Eine rechtzeitige Initiative der Bischöfe durch eine klar und verständlich formulierte Enzyklika von Papst Pius XII. gegen den Antisemitismus und Rassenhass, worum Edith Stein schon Pius XI. gebeten hatte, wäre überaus förderlich gewesen. Leider unterblieb nicht nur diese Aufklärungsarbeit, sondern ein Teil der katholischen Presse Ungarns und auch sogenannte katholische Persönlichkeiten, Kleriker und Laien, schütteten bewusst oder unbewusst Wasser auf die Mühle des nationalsozialistischen Rassenhasses.”

Er liest aus einem Artikel von Dr. Joszef Takacs, der 1943 in der Zeitschrift „Magyar Kultura”, einer katholischen Zeitschrift, abgedruckt
wurde: „Das traurige Schicksal Christi kann man nicht allein den Machenschaften der Hohenpriester und Vornehmen zuschreiben. Schuld daran ist das ganze Volk, alle Juden... Seitdem sie ‚sein Blut komme über uns und unsere Kinder’ ausgesprochen haben, gibt es kein auserwähltes Volk! Und dessen ganzes Leben kann nur eine Gottesstrafe sein!”

So wie sich Hitler und seine Kumpane auf antisemitische Traditionen in der Geschichte der Kirche beriefen?hier sei nur an die jüdischen Pogrome im Mittelalter erinnert?,konnten sich die ungarischen Nazis, die „Pfeilkreuzler” getrost auf solche Artikel berufen. Will man in der Logik dieser Menschen bleiben, vollstreckten sie ja nur das Urteil, das Gott angeblich über die Juden gesprochen hat. In Hitlers „Mein Kampf” heißt es dazu: „Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.”

Immer wieder musste Kis die Erfahrung machen, dass er wegen seiner jüdischen Abstammung von einer Reihe seiner Amtsbrüder gemieden wurde. Nachdem er 1933 sein erstes theologisches Studienjahr in Innsbruck absolviert hatte, verspürte er den dringenden Wunsch, ins Kloster zu gehen. Im dortigen Prämonstratenserkloster kannte er einen Ordensmann, der ihm einen Einblick in das Leben dieser Gemeinschaft ermöglicht hatte. So fiel seine Wahl auf das Kloster der Prämonstratenser in Gödöllö, nordöstlich von Budapest gelegen. Gespräche mit dem Novizenmeister und dem Ordensgeneral ergaben eine bereitwillige Zustimmung zum Beginn des Noviziats. Irgendwann im Sommer 1933 kam dann ein Brief, dessen Inhalt ihn tief erschütterte: „Mit Bedauern teilen wir ihnen mit, dass unser Orden Ihr Aufnahmegesuch wegen Ihrer Abstammung ablehnen muss...”

Ähnlich erging es ihm beim Versuch, in die „Gesellschaft Jesu” einzutreten. Auch hier lautete die Antwort: „Nachdem Deine beiden Eltern Konvertiten sind, stößt Deine Aufnahme in den Orden auf unüberbrückbare Hindernisse...”

Der Geistliche litt unter der Ablehnung seiner Person. Mehr noch litt er aber unter der offiziellen Sprachlosigkeit der ungarischen Kirche gegenüber den massenhaften nationalsozialistischen Verbrechen an jüdischen Menschen. Als am 8. Juli 1944 im Namen der ungarischen Bischofskonferenz ein Hirtenbrief von Kardinal Justinian Seredi veröffentlicht wurde, war Kis wie vor den Kopf geschlagen. In diesem Hirtenwort heißt es: „Wir ziehen es nicht in Zweifel, dass ein Teil der Juden einen sündhaft zersetzenden Einfluss auf das ungarische wirtschaftliche, gesellschaftliche und sittliche Leben ausgeübt hat. Tatsache ist auch, dass die Übrigen in dieser Hinsicht keine Schritte gegen ihre Glaubensgenossen unternommen haben. Ohne Zweifel muss die Judenfrage auf gesetzlicher und gerechter Weise gelöst werden. Wir haben also nicht nur keine Einwände, sondern erachten es auch als wünschenswert, dass im Wirtschaftssystem des Landes Maßnahmen getroffen werden und den berechtigterweise bemängelten Symptomen abgeholfen werde.” Zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung war der größte Teil der Juden aus der ungarischen Provinz bereits in die Vernichtungslager verschleppt worden.

Nach all dem stellt sich die Frage, wie Kis trotzdem Priester werden und dieser Berufung über all die Jahre die Treue halten konnte? „Weil ich die von vornherein wirksame Gnade Christi erhielt, katholischer Priester zu werden. Und das Charisma, nie, nicht einmal unter den skandalösesten Enttäuschungen und Leiden, am Kreuz Christi und an seiner erlösenden Kraft Anstoß zu nehmen. Ich habe es nie bereut.”

Kis sieht im Einsatz für christlich-jüdische Versöhnung seine Lebensaufgabe. Pfarrer Kis: „Wir dürfen die Vergangenheit nicht verdrängen. Nur indem Christen und Juden miteinander sprechen, können sie Wege zueinander finden.” Sein wunsch ist es, ein Exerzitienhaus einzurichten, in dem Juden und Christen einander und Gott begegnen.

Der Artikel erschien zuerst am 25. Juli 1993 in der „Katholischen KirchenZeitung für das Erzbistum Berlin”, Seite 3.

Unter dem Titel „Gezeichnet mit dem Kreuz Christi und dem Stern Davids” hat Pfarrer Dr. György Kis seine Lebensgeschichte veröffentlicht. Erschienen ist das Buch im Luzerner Verlag „Kirchenforum für Ungarn”.

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Dr. György Kis   * 13.11. 1916    † 6.3. 2005